Der Sinn des Wortes Wahrheit ist vielleicht epistemologischer, als mir das Ganze lieb ist. Mir geht es um unmittelbare Erfahrung. Mir geht es sicher nicht um den Kern der Dinge oder um die Triebfeder alles Lebendigen. All das ist viel zu fern.

Was ist schon ein tatsächlicher Beweis dafür, dass Napoleon wirklich gelebt hat? Es gibt sehr viel, dass dafür spricht. Aber man ist nicht da, man sieht ihn nicht selbst, und alles andere ist Hörensagen. Sehr fundiertes vielleicht, aber in jeder Faser mittelbar. Napoleon ist mir völlig egal, aber die Mittelbarkeit all dessen, was ich nicht direkt vor Augen habe, schmälert seine Existenz und reduziert es zum Bild. Warum soll ich irgendjemandem glauben? Wie kann ich irgendjemandem glauben? Farblos sind Busunfälle in Indien, Kriege und Stürme in New Orleans, die Medien können sich noch so sehr anstrengen. Ja, ich sehe es. Aber ich erlebe es nicht, und allein dadurch rückt es in unfühlbare Ferne, die ich bestenfalls noch ästhetisch betrachten kann. Ich bin nicht fähig, über den Rand meiner Erfahrung zu schauen. Das ist wohl gleichzeitig Anlage und Intention. Vielleicht ist es Unvermögen, es ist aber auch Selbstschutz.

Die Konsequenz wäre für mich ein Ertrinken im Mitleid, und ich bin nicht bereit, mich folgenlos für etwas Mittelbares aufzuopfern. Der gute Geschmack erwartet ein feuchtes Auge, aber dafür bin ich mir zu redlich. Ich bin sicher, dass ich hierin nicht der einzige bin. Ansonsten wären auf der Hochzeit von Will und Kate weniger Menschen dagewesen.

Schreibe einen Kommentar