„Ich figg eure Müdder! So wie er meine Müdder gefiggt habt!“ grölte Tschako. Er wusste nicht mehr, was er da lallte. Der Schnaps besorgte das Reden. „Alle figg ich se“, schrie er in die Nacht. Er war alleine. Wo, wusste er nicht. Es war ihm egal. Irgend eine Wiese, und ein paar Bäume. Fahrräder. Autos. Egal. „10 Jahre!“ Er spuckte beim Reden. „10 Jahre war ich im Knast.“ Er schüttelte seine Faust. Seine fleischigen Lippen spuckten weiter. Er spürte ein Würgen und nahm noch einen Schluck, zur Beruhigung. „Unschuldig! Ich hab andere beschützt, das hab ich gemacht!“ Nicht einmal die Nacht hörte ihm zu. Der Mond beschien seinen bleichen, schwammigen Körper. Er hatte nur eine Hose an. „Aaaaaaber…!“ seine Augen waren schon lange aus der Bahn gebrochen. „Aber ich hab noch meinen Kopf! Und den – brauch ich auch! Weil ich bin ein Fremder.“ Ein weiterer Schluck. „Und das … krieg ich nich in meinen Kopf. Und ihr Wichser! Für euch hab ich gebüßt! Für euch scheiß Reiche!“ Er nahm einen tiefen Schluck. Er taumelte. „Was wollt ihr von mir? Gar nix?“ Es ergab keinen Sinn mehr. Auch für ihn nicht. Aber das war egal. Er war da und lebt noch sein Scheißleben. Das konnte ihm keiner nehmen.

Er war einmal jung gewesen. Egal. Er dachte nicht mehr daran. Der Schnaps erlaubte es ihm nicht. Er hatte sich seine Vergangenheit weggesoffen. „Kommt doch her, alle, ich mach euch platt, so wahr mein Name Tschako heißt! T-S-C-H-A-K-O. Mit S-C-H. Aber ich sags euch… ich werde, das wieder gut machen. Grade machen.“ Er wussten nicht mehr, was es war, das er tun wollte. Aber irgendwo in seinem zerfressenen Gehirn nagte es. Manchmal, wenn er morgens aufwachte, wütete es. Der erste Klare machte es erträglicher. Es war ihm zuwider.

Er hatte schon alles vergessen, alles verloren. Nur das nicht. Warum gerade dieses beschissene Gefühl nicht? Der Mann in Tschako lehnte sich auf, wenn er dieses Gefühl spürte. Vor der Welt hatte er Ruhe. Der war er scheißegal. Seit langem schon. Seit dem Knast.

„Tschako!“ rief er. „Tschako! Niemand scheißt dir mehr in den Kopf. Die können mich alle am Arsch lecken.“ Er wurde plötzlich wütend. Er kniete sich hin und verpasste dem Boden eine. Es war lächerlich. Seine mageren Fäustchen waren zu nichts mehr gut. Früher! Ja früher! Aber was wusste er schon. Seine Schläge trafen schon lange keinen mehr.

Er nahm noch einen zur Brust, zur Beruhigung. „Kannst du mich hören, du Arschloch. Komm doch her!“ Der Ausweg eines Sterbenden, eines Letzten. „Ich bin der letzte!“, schoss ihm durch den Kopf. „Nach mir kommt nix mehr.“

Er trank noch einen Schluck. Der scheiß Wald begann, sich zu drehen. Aber was, er drehte sich schon den ganzen Abend. Was ging ihn der scheiß Wald an. „Was geht mich der scheiß Wald an?“ Sein verquollenes Gesicht glänzte. Ja, er hatte noch Kraft! Und er würde schon alles wieder gut machen. Das wusste er. Und er trank noch einen Schluck. Die Flasche war leer. Er versuchte, sie gegen einen Baum zu schmeißen. Sie dotzte auf dem Boden auf und kullerte zwischen ein paar Büsche. Egal. Scheiß Bäume. er knackte sich ein Bier.

„Aber könnt ihr das nich verstehen?“ Ihm wurde schwarz vor Augen und er sackte auf die feuchte Wiese.

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Leere. Das, was er immer gesucht hatte. Seit dem Knast. In den ganzen verdammten Kneipen, dem ganzen Schnaps. In den ganzen Schlampen, die er gebumst hatte. Seit dem Knast –

Schon vorher. Ja, schon vorher. Davor hatte er auch schon gesoffen, jeden Tag. Aber da war er König gewesen. Von der ganzen Welt war er der König gewesen. Er hatte auf alles geschissen. Die anderen waren in die Schule gegangen. Gut, das hatte er auch gemacht, aber Bock hatte er nie drauf gehabt. Die anderen hatte irgend ne Lehre gemacht. Ja, hatte er auch gemacht. Schlosser. Der Gesellenbrief lag noch in einer Schublade. N guter Schlosser war er gewesen. Aber Bock hatte er keinen drauf gehabt. Das beste daran war, abends mit den Jungs noch einen zur Brust nehmen. Da war er König gewesen. Saufen hatte er können, und die Weiber waren ihm nachgegangen. Die ganzen Jungs hatte er untern Tisch gesoffen, und danach hatte er sich noch ne Alte abgeschleppt. Der nächste Morgen war dann immer hart gewesen. Aber drauf geschissen.

Die ganzen Langweiler. Und Tschako hatte alles. Machte gut Kohle, sein BMW hatte ein Lederlenkrad. Fickte die Weiber. Wenn einer ihm dumm kam, gabs aufs Maul. Einmal hatte er zwei Wichser ganz allein verprügelt. Die Anzeige war Tschako scheißegal gewesen. Seine Nase wars ja nicht gewesen, die zu blutigem Klump gehauen war.

Der Alkohol. Tschako dampfte erst nach dem achten Schnaps richtig auf. Und da fing er erst an!

Und dann an einem Abend diese zwei Idioten. Eierköppe! Den ganzen Abend hatten die schon so rübergeschaut. Tschako hatte gelacht, innerlich, nicht nur innerlich, die sollten ruhig wissen, dass er wusste, dass sie eifersüchtig waren. Er hatte ihnen den Stinkefinger gezeigt, und Tanja an sich gezogen, und ihr breit grinsend einen Kuss auf den Mund gegeben. Dann waren die zwei Trottel rüber gekommen und hatten Stunk gemacht. Was denn? Ja was denn? Ihr Wichser, verpisst euch doch, oder wollt ihr aufs Maul? Sie wollten aufs Maul. Das hatte Tschako auch nach dem zwölften noch kapiert. Die sollten ruhig sehen! Und er hatte sein Glas genommen und es dem einen Trottel mitten auf seine Trottelstirn geknallt. Und das halbe Hemd war einfach zu Boden gegangen. Was hatte der sich auch mit ihm angelegt? Geschah ihm ganz recht. Bevor der auf ihn losging, hatte Tschako lieber den Anfang gemacht. Besser, als die eigene Nase zusammengetrümmert zu bekommen. Da standen die Weiber gar nich drauf. Das war dem Erik mal passiert, und seitdem schaute den keine mehr an.

Außerdem, so hart hatte er ja auch nicht zugehauen.

Aber dann war alles losgegangen, und drei Monate später war Tschako im Knast gelandet. Totschlag. Zehn Jahre. Zehn Jahre! Für was denn. Er hatte doch nur einmal zugehaun, in Notwehr! Und noch nicht mal so hart zugehauen hatte er, da konnte er noch viel härter! Die scheiß Pisser, die waren doch gekommen! Notwehr war das gewesen! Am Ende wären die noch Tanja an die Wäsche gegangen, wenn er nix gemacht hätte! Knast. Was sollte das? Nix gab es da, keine Frauen, keinen Suff. N paar von den Jungs da waren ganz in Ordnung, aber es gab auch richtige Vögel. Mörder, und Betrüger, das ganze Gesocks. Und  zwischendrin er. Er war immer n Anständiger gewesen, n verdammt guter Schlosser, das hatten die vom Betrieb ihm immer gesagt. Der Hans, der fette Gruppa, und Ihsan auch, und der musste es ja wissen. Und scheiße, zu saufen gabs nix im Knast. Würde er saufen, wenn er wieder draußen war! Und ficken! Er würde der Welt schon zeigen, wer Tschako war, wenn er rauskäme. Die sollten sich mal alle ficken!

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Tschako wachte auf, morgens, es war kaum hell. Er fühlte sich scheiße. Er kotzte. Nur Flüssigkeit und Galle. Scheiß drauf. Er suchte in seiner Tasche nach einem neuen Bier und knackte es auf. Der erste Schluck war ekelhaft. Er würgte und kotzte nochmal. Der zweite Schluck löschte den widerlichen Durst in seiner Kehle. Er schwemmte den Kotzgeschmack runter. Er musste zum Supermarkt, neues Bier kaufen. Und neuen Schnaps.

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