Der Kuss des Meeres ist tödlich. Das Meer von außen. Nur schlafen, nur Wellen, den Tang schon zwischen den Zehen, sorglos, denn die glatte Stirn ist der Sieg (so steht es in der Fibel). Der Fortschritt bringt die Lösung, das Delta in den Tod. Wo sind noch Schlachtfelder, die nicht nur Blut fordern? Die Pein unserer Generation, ihr Buchtitel: Auf der Suche nach den Schlachtfeldern. Kalte Finger haben den Engel seziert, Nasen haben ihn zerrochen, tote, weiße Augen sahen dabei zu, wie seine Flügel abgebrochen und Mikroskopiergläser zu Hermes gemacht wurden. Sein Todesröcheln verhallte zwischen den Trommeln der Kriege, über denen man die Welt vergaß. Vorwärts gegen die Wand, aber: die ist bunt angestrichen, und immer neu. Die Arabeske wurde gerade geschmiedet, gelangweilt, aus Pflichtbewusstsein, den Alten zum Trotz, weil die Alten die Alten sind, sie wurde eine Linie, ein Strom, der geradewegs ins Meer mündet, geradewegs in den Progress zum Letzten, geradewegs zur Erfüllung, denn der Mensch ist ein Rad, das vorwärts rollt.

Und ich, wo stehe ich in diesem fahlen Land, das Wochenendglück dankbar mit meinen Computerhänden mir die trockene Kehle hinunterschüttend, immer durstig wie meine Brüder und Schwestern, nur nicht wissend, wonach. Die Späteren werden das Aberglaube nennen und lachen. Später meint mir fast: Weiter. Unsere gesamte Metaphorik ist dem Tode geweiht. Wie Daumenschrauben, die sich aufwärts zusammenziehen, bis man daliegt in seiner Lache, die dann doch noch Mensch geblieben ist. Denn verrecken tun wir wie unsere Großmütter: Mit dem letzten Atemzug. Wo stehe ich zwischen den Schläfern, die sich selbst ihr Dynamit umschnallen, dem Terror entgegen? Schlafend ich schlafe auch, ich habe doch auch die Süßigkeit im Mund, die Hände manikürt, ich schreie doch auch den letzten Schrei mit. Gefahrenbewusstsein füttere ich meinem Stolz in kleinen Portiönchen in sein williges Mündchen, die Zähnchen längst vom Zucker verklebt. Das Thema ist kein neues, und das ist der bissigste Kopf der Hydra Rimbauds letzte Träne fiel auf das letzte Wort, das er zu schreiben hatte: Moderne.

Man kennt das schon, das ist konservativ! Das Weltwissen verdoppelt sich in 3 Jahren. Und alles wächst und gedeiht ins Neue. Und man verliert Blut bei jedem Schritt. Und man läuft leichter bei jedem Schritt. Und die Augen werden blasser, aber das erleichtert den Blick über die Horizonte. Die Gier und die Metaphysik hat keine Lust mehr auf die Metaphysik. Philosophen sind jetzt Politiker und Schriftsteller Journalisten. Artgerechte, nützliche Probleme bitte. Das Herz klopft nicht mehr in der Brust, keiner weiß, wo es sich hinverzogen hat, denn jeder hat die Nase vorne am Kopf kleben und die Augen gleich darüber. Und ich? Ich zorne in mich hinein, stampfe wütend mit dem Fuß, und dann schlafe ich weiter, das Kind nach dem Bäuerchen. Es ist eine subtile Wunde, und man ist böse, wenn sie schmerzt. Und wer will das schon. Wer will sich schon selbst das Brandzeichen in den Arm drücken.

Du kennst Lampedusa nicht? Dieser Blick: Ein saurer Geschmack. Man wird leichter zynisch in diesen Zeiten, als dass man ein Update von Mac OS verpasst, das Hündchen, das gehorsam und bissig neben dem Nach-vorn ins tiefere Wasser paddelt. Versteht man sich überhaupt noch. Wo sind die Kommunikatoren. Kleine, krumme Gelehrte haben sich runde Brillen angezogen und Menschenkleider angelegt und die Herzen gehören ihnen, denn sie kämpfen für alle gegen den bösen Schattenmann, den die Chimere dem Suchenden hingeworfen hat, und so ringt eine Elite nach der anderen danach, sich das rührendste Buch über eine verkackte Kindheit im Osten oder die Oma, die im Krieg verkümmert ist, aus geübten Fingern und geübten Gefühlen zu saugen. Und das Saugen geht leicht, es ist das Einfachste, denn der dichterische Schöpferschmerz dieser Kunstwerke ist doch Reinigung, die einen den Schritt weiter Richtung Besserung gehen lässt. Das neueste Gefühl präsentiert sich so warm und anschmiegsam wie ein Kältetod.

Um was sollte es gehen? Um das, was man sieht, wenn man sich den Kopf an der Progressfassade zerrannt hat, um die kleinen Fetzen, die zwischen Splittern von Gorillaglas und Hornbrillen, Hirn herumflittern. Bei denen sich etwas regt, wenn die ganze Polit-Sentimentalität und die hingezüchteten Kunstproblemchen aufgeraucht sind und man sich, erwacht, fast wundert, warum die Wangen feucht glänzen (und sich darüber doch auch ein bisschen freut, weil es zeigt, dass man ein Mensch mit Tiefgang ist ich kotze). Wo ist der Schock, der die Spiegelwelt zerbersten lässt, der mir meine Tempel wieder aufbaut, mit dem Schleier und der Lade, der die Cherubim abstaubt und in die Ecken gestellt, der das Erschauern, die Ehrfurcht zurückgibt?

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